Rioja
Ein Besuch, der mich berührt hat. Eine Zeitreise in die Historie und Moderne eines der zurzeit spannendsten Weingebiete Europas.
Mein zweiter Besuch in der Rioja war ein magischer Moment. Eine Zeitreise in die Historie und Moderne eines der zurzeit spannendsten Weingebiete Europas. Der nur wenige Kilometer umfassende Abschnitt zwischen Laguardia und Haro, die Landstraße, die sich entlang der Sierra Cantabria schlängelt und nach jeder Kurve neue atemberaubende Landschaftsszenerien offenbart, gehört für mich zum schönsten Erlebnis meiner Reisen.
Majestätisch ragt die Hügelkette der Sierra Cantabria im Nordosten in den Himmel und markiert den Beginn der Rioja DOCa im Norden. Sie fällt erst steil, dann sanft in Richtung Flussbett des Rio Ebro ab, bevor im Westen die Sierra de la Demanda wieder in den Himmel ragt und den Beginn des zentralspanischen Hochplateaus markiert. Dazwischen liegen rund 65.000 ha Rebfläche, und mittendrin schlängelt sich der Rio Ebro vom Nordende der DOCa, der Rioja Alta, bis in den äußersten Süden der Appellation, nach Alfaro in der Rioja Oriental, wo Álvaro Palacios über sein Reich herrscht.
Das Land ist durchtränkt von Geschichte. Alte Kirchen ragen majestätisch in den Himmel, wie zum Beispiel der pittoreske Kirchturm in San Vicente de la Sonsierra. Dazwischen alte Einsiedeleien, an die Ausläufer des Gebirges geschmiegt, oder die Überreste frühgeschichtlicher Ortschaften, wie das Gräberfeld der einstigen Siedlung Uri, dem baskischen Wort für Ortschaft, deren Gründer und Verwalter, Erramel genannt, dem heutigen Weingut von Telmo Rodríguez, Remelluri, seinen Namen gab.


Die untergehende Sonne, die gegen Abend ihr Licht flach von Westen über das Land streifen lässt, zeichnet atemberaubende Szenerien. Goldgetränkt liegen die sanften Hügel und Weingärten vor mir, und während wir mit unserer kleinen Reisegruppe durch die Landschaft fahren, muss ich unweigerlich an eine einstige Unterwasserwelt denken. Wie schlafende Wale liegen die kleinen Hügel mit ihren flachen Kuppen vor mir, gezeichnet von der Erosion tausender Jahre. Dazwischen wieder Täler, verwinkelte kleine Schluchten, durch die kleine Rinnsale mäandern, um schlussendlich wieder eins zu werden mit dem Rio Ebro, der Lebensader dieser sonst so kargen und trockenen Gegend
.Der Weinbau ist hier Tausende von Jahren alt. Günstig dafür sind die Bedingungen, die die Geologie geschaffen hat. Die Sierra Cantabria schirmt die feuchte Luft des Meeres ab, und ab und an schwappen die Wolken wie Wellen über den Gebirgskamm. Ein atemberaubender Anblick. Das moderne Rioja hingegen, nah unserer Zeitrechnung, fing mit den Franzosen an, die, reblausgeplagt, Ende des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach neuen Quellen für ihren Durst das von den kleinen, gefräßigen Viechern verschonte Gebiet jenseits der Pyrenäen für sich entdeckten. Sie legten nicht nur eine Eisenbahn an, sondern brachten auch gleich ihr Weinwissen mit und führten das bis heute bekannte System der Prädikate ein: Crianza, Reserva, Gran Reserva und so weiter. Ein Weinstil, der die Region berühmt gemacht und unzählige Größen hervorgebracht hat, wie die Häuser rund um das berühmte Bahnhofsviertel, das Barrio de la Estación in Haro: R. López de Heredia, La Rioja Alta und die Compañía Vinícola del Norte de España. Etwas abseits, bei Logroño, sitzt mit Marqués de Murrieta eines der ältesten Häuser überhaupt, dessen 1852er Jahrgang als erster Rioja kommerziell ins Ausland exportiert wurde.
Doch diese Geschichte kennt ihr bereits.
Was ich erzählen will, und was die Region heute, rund hundert Jahre nach Gründung der DO, so mannigfaltig spannend macht, ist die neue Generation an Winzer:innen, die neben den starren Konventionen des Ausbaus in ausschließlich 225 Liter fassenden Barricas neue Methoden des Weinbaus etabliert. Oft geprägt durch Reisen und das Arbeiten in ausländischen Betrieben, das Erlernen anderer Techniken und durch viele Kontakte aus der Gastronomie und den Austausch mit anderen Winzern, streben sie einen frischeren Weinstil an. Sie verzichten oft auf den Einsatz von Holz, nutzen Amphoren, wie es zum Beispiel die biodynamisch arbeitende Sandra Bravo von Sierra de Toloño für einige ihrer Weine tut, oder Demi-Muids, in denen Olivier Rivière seine frischen Garnachas eine Zeit lang ruhen lässt, bevor er sie mit einem zweiten, in Barricas ausgebauten Teil verschneidet und so mit Plaza Cuesta einen der feinsten und elegantesten sortenreinen Garnachas aus einer einzelnen Parzelle in der Rioja Alta zaubert. Die Lage, eine junge, von ihm selbst gepflanzte Parzelle mit fünfzig verschiedenen Garnacha-Varianten, brachte er mit dem Jahrgang 2022 erstmals auf die Flasche. Im Vordergrund die persönliche Vision des Weines, das Gebinde dabei ein Mittel zum Zweck. Es ist die Koexistenz, die es spannend macht: die großen Häuser auf der einen Seite, mit ihren Kultweinen wie dem Castillo Ygay von Murrieta oder der Gran Reserva 890 von La Rioja Alta, und die neue Generation, die sich wieder stolz Cosecheros nennt, Weinbauern wie Roberto Oliván von Tentenublo, versteckt in der Rioja Alavesa, der das Dasein als Cosechero einen „way of life” nennt.
Dabei ebnet das Consejo hier schon deutlich den Weg in die Zukunft. 2017 führte es eine neue Klassifikation ein, um die vielfältigen Terroirs der Rioja stärker in den Vordergrund zu rücken. Ein Vino de Zona muss zu mindestens 85 Prozent aus einer der drei Zonen stammen, aus der Rioja Alta, Alavesa oder Oriental. Ein Vino de Municipio besteht zu mindestens 85 Prozent aus den Trauben einer einzigen Gemeinde, wobei, sehr zum Ärger vieler Erzeuger, auch das Weingut selbst in dieser Gemeinde liegen muss. Und ein Viñedo Singular bezeichnet einen Wein aus einer einzelnen, mindestens 35 Jahre alten Lage mit einem Höchstertrag von 5.000 kg/ha bei den Roten. Alle drei Kategorien stehen Weinen jeder Farbe offen, still wie schäumend. Die Rioja ‘n’ Roll Bewegung legte hier sicher auch schon den Grundstein, dass sich etwas bewegt in der traditionellen Hierarchie, auch wenn nicht alle einverstanden sind, wie die neuen Regeln eingeführt werden, und einige auch wieder davon Abstand nehmen. Artadi etwa, die Kultadresse aus Laguardia, verließ die DOCa schon Ende 2015, weil ihm die Reform zu langsam ging. Seither etikettiert das Gut nach Einzellage statt unter dem Namen Rioja. Das Spannende daran ist jedoch, dass sich etwas bewegt und ein neues Selbstbewusstsein erwacht ist.
Wie das Ganze vermarktet wird, ist die andere Sache. Aber der Preiskampf der klassischen Reservas und Crianzas, die kaum noch zu konkurrenzfähigen Preisen und Margen angeboten werden können, ist hart, und deren Erzeuger, die Großkellereien, unterwandern damit den Markt völlig. Wie soll sich jemand zurechtfinden, wenn eine Reserva zwischen 4,99 und 26,90 Euro kostet und der Stil von fein, filigran und fruchtig bis überholzt, voller Extrakt und Vanille reicht? Gleichzeitig müssen auch die Weine, die sich diesen Prädikaten entziehen und sich stolz als Genérico ausweisen, einen Platz im Markt finden. Alles in allem sind es die Gegensätze, die hier so spannend mitzuerleben sind. Man muss sich auskennen, langsam und zweifelsfrei, oder sich auf die Empfehlungen einlassen, die im Moment in den Medien zu finden sind. Falstaff und insbesondere Decanter weisen hier spannende Wege.
Hier einige Produzenten, die mich auf meiner Reise am meisten berührt haben:
Sandra Bravo (Sierra de Toloño), Tentenublo (der stolze Cosechero), Olivier Rivière mit seinem grenzgenialen Weinstil und Know-how, 200 Monges (in der grandiosen Bar Roots in Logroño mit meinem Freund Thomas Götz von Spaniens Weinwelten getrunken, ein Wein, der eine preiswerte Alternative zu den im Stil an López de Heredia erinnernden Weinen bietet), Abel Mendoza, Bagordi (technisch ausgefeilt, mit vielen modernen Ansätzen in Weinberg und Keller), Finca Vista Hermosa (mit ihren an Châteauneuf-du-Pape erinnernden alten Garnacha-Rebstöcken inmitten riesiger Felder voller „Galets roulés”), Cuentaviñas und seine akribisch ausgefeilte Lagenkarte über das Terroir der Rioja Alavesa. Und natürlich, last but not least, der Großmeister und Pionier hinter allem: Telmo Rodríguez und sein schönstes Fleckchen Erde, Remelluri.








